Seelenfänger

Der kaputte Typ kam nur zufällig an diesen Ort. Es war ohnehin vollkommen egal, wo er sich aufhielt, für ihn war es überall die Hölle. Wann genau es angefangen hatte, konnte er nicht mehr sagen. Die vielen Drogen verzerrten seine zeitliche Wahrnehmung. Und nicht nur die. Manchmal war er sich nicht sicher, was real war und was er phantasierte. Was ja auch kein Wunder war. Wenn er jemandem davon erzählen würde, jeder würde ihn für verrückt erklären. Oder denken, dass er auf 'nem verdammt schlechten Trip festsaß. Und manchmal wünschte er sich das sogar. Dann könnte er die Drogen einfach absetzen, und irgendwann wäre alles wieder normal. Aber das würde so nicht funktionieren. Und nüchtern wäre das alles nicht zu ertragen. So hatte er wenigstens keine Angst. Meistens zumindest.

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Das Café am Montmartre

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Die Erinnerung daran ist verschwommen, wie so viele. Ich war in dieses Café am Montmartre gegangen, "La Mère Catherine", das klang so herrlich familiär und gemütlich, ein guter Ort, um sich inspirieren zu lassen. Ich hatte schon viel zu lange nichts Vernünftiges mehr zu Papier gebracht, eine echte Krise, mir wollte einfach absolut nichts einfallen. Als Schriftsteller war ich allerdings davon abhängig, immer neue Ideen zu entwickeln, aber im Moment war ich weit davon entfernt, mich zu meiner Berufswahl zu beglückwünschen. Ich stand kurz vor der Entscheidung, alles aufzugeben und mir eine Arbeit als Büroschreiber zu suchen, aber einen letzten Versuch wollte ich noch wagen. Vielleicht würde mir die Nähe zu anderen Künstlern helfen, ihre Aura auch meinen Gedanken irgendwie Flügel verleihen können, wer weiß.

 

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Wolfsmond

 

Sein Herz klopfte wie wild, als er sie zum ersten Mal auf den Bilddateien entdeckte. Eine junge Wölfin, die nachts an der Wildkamera vorbeilief. Im Rahmen seiner Promotionsarbeit kartierte er einen Teil des Biosphärenschutzgebietes auf der Schwäbischen Alb. Um eine Idee über den Tierbestand zu bekommen, hatte er einige Wildkameras aufgestellt. Bisher war enttäuschend wenig zu sehen. Wenn die Kamera überhaupt ausgelöst wurde, dann meist durch Vögel. Er hatte schon darüber nachgedacht, das Gebiet zu wechseln, und jetzt das. Der erste Wolf, der in diesem Teil von Baden-Württemberg gesichtet wurde, und das von ihm. Das war der absolute Jackpot.

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Der See

Wir waren Helden des Sommers. Für drei Wochen gehörte uns die ganze Welt, und aus unserer Sicht bestand sie aus einem Sechsbettzimmer, das wir uns teilten, dem kleinen separaten Wohnzimmer nur für uns Kinder mit einem großen alten Ledersofa, zwei Sesseln und jeder Menge Kissen zum gemütlich drauf Rumlümmeln, dem Wald, der direkt hinter dem Ferienhaus anfing, das unsere Eltern für drei volle Wochen gemietet hatten und für uns ein riesiger Abenteuerspielplatz war, und natürlich dem See, der vom Ferienhaus nur einen Steinwurf entfernt lag. Der See war bei gutem Wetter unser erklärter Lieblingsort, die Erwachsenen machten schon Witze darüber, dass uns bald Schwimmhäute zwischen den Fingern wachsen würden, wenn wir weiter so viel im Wasser wären. Aber was hätte es auch Schöneres geben können.

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