Freier Fall

Als kleiner Junge hatte er es schon einmal gespürt, dieses Herzklopfen, so laut, dass es alle anderen Geräusche übertönte. Das Rufen der anderen Kinder war nur noch wie durch meterdicke Watte wahrnehmbar gewesen, wie sie ihn erst anfeuerten, versuchten, ihm Mut zu machen, bis der erste anfing zu lachen:

 

"Der traut sich nicht, Peter ist ´ne feige Sau, Muttersöhnchen!"

 

Das und noch viel schlimmere Dinge, die er längst vergessen glaubte, hatten sie ihm damals hinterhergerufen, als er die Treppe des Fünfmeterturms heruntergeklettert war. Er hatte es bis zu den Toiletten geschafft, bevor er anfangen musste zu heulen, und jetzt war dieses Gefühl wieder da. Diese Enge im Brustraum, die er damals verspürt hatte, als er dort oben stand und über den Rand des Sprungturms in die Tiefe schaute. Das Schwimmbecken sah unendlich klein aus von dort oben, der Weg nach unten so weit, als würde er vom Mond springen. Er hatte gehofft, er müsste so etwas nie wieder spüren. Seit diesem Tag war er nie wieder ins Freibad gegangen, zu groß war seine Scham.

 

Und nun übermannte ihn dasselbe unausweichliche Gefühl der Panik, er spürte es wie einen Schlag in den Magen, er bekam keine Luft mehr und fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich, vermutlich war er kalkweiß. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er hätte niemals mitmachen dürfen. Aber jetzt war er hier, mit all den coolen Jungs, und er wollte so unbedingt dazu gehören. Er hoffte, dass sie ihm nichts anmerkten, versuchte, sich ganz normal zu verhalten, so als hätte er das hier schon tausendmal getan. Es konnte doch nichts passieren, oder? Verdammt, er wusste einfach so wenig darüber und er kannte niemanden, den er hätte fragen können.

 

 

 

Sie saßen im Kreis auf dem Fußboden in Saschas Zimmer. Saschas Eltern waren ausgegangen, sie würden sicherlich erst mitten in der Nacht nach Hause kommen, also waren sie vollkommen ungestört. Es war das erste Mal, dass er bei Sascha zuhause war. In diesem spießigen Reihenhausviertel, in dem jeder Tür an Tür oder, besser gesagt, Gartenzaun an Gartenzaun mit seinen Nachbarn wohnte.

 

Saschas Zimmer war nicht allzu groß, aber er hatte das Beste daraus gemacht. Die Wände waren zugekleistert mit Postern von Nirvana, Pearl Jam und anderen Bands, deren Namen Peter nicht kannte. Der graue Teppichboden war fast vollständig von großen bunten Flickenteppichen bedeckt, sodass man es hier unten einigermaßen bequem hatte. Auf dem Sideboard stand eine Lavalampe, die den Raum in waberndes rotviolettes Licht tauchte. Die flackernden Teelichter, die Sascha um die Lampe verteilt hatte, spendeten nur wenig zusätzliches Licht. Es lief eine CD von den Doors, die melancholisch morbide Stimme von Jim Morrison trug mit "Riders in the Storm" vermutlich wesentlich zu der Gänsehaut bei, die Peter auf seinen Unterarmen spürte.

 

Micha hatte das Zeug mitgebracht. Er baute den Joint auch zusammen, klebte erst die Blättchen aneinander, streute dann Tabak hinein und schließlich die grünen Brösel, die sie fliegen lassen würden.

 

Fliegen, so wie vom Fünfmeterturm...

 

Wieder spürte Peter das üble Gefühl in seinem Magen. Micha arbeitete ruhig und routiniert, so als hätte er das schon tausendmal gemacht. Zum Schluss drehte er die Spitze zusammen und zündete sie feierlich mit einem Streichholz an. Alle beobachteten ihn dabei in gespannter Vorfreude, niemand sagte ein Wort. Niemand schien Angst zu haben oder gar Panik, so wie er. Wahrscheinlich hatten sie alle schon öfter gekifft, nur er nicht. Nach ein paar Zügen reichte Micha den Joint an Sascha weiter, der ihn sich zwischen Ringfinger und kleinen Finger steckte. Die Hände formte er zu einer Kugel, an der Stelle, an der die Daumen sich trafen, setzte er seinen Mund an und atmete tief ein.

 

Danach wäre er an der Reihe. Seine Hände waren schweißnass, obwohl ihm mittlerweile eiskalt war. Er blickte sich wie gehetzt um, warf noch einen letzten Blick auf Sascha, der ihm den Joint soeben weiterreichen wollte, und stürzte dann aus dem Raum so schnell er konnte, rannte aus dem Haus und noch ein paar Straßen weiter, bevor er stehenblieb und sich an einer Laterne festhielt, während er sein Abendessen erbrach.

 

Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Warum war er bloß abgehauen? Wie mechanisch setzten sich seine Füße in Bewegung, die kühle Luft strich ihm um das erhitzte Gesicht, er spürte es kaum. Was würden sie jetzt nur von ihm denken? Er hatte sich mal wieder absolut lächerlich gemacht, genau wie damals. Schlimmer als damals...

 

 

 

Es war einfach zum Verzweifeln. Er hatte gedacht, er hätte das hinter sich gelassen, diese heftige Panik, die sich durch seinen Körper hindurchfraß und alle anderen Gefühle in ihm übertönte. Er hätte nicht gedacht, dass ihm so etwas noch einmal passieren könnte.

 

Er lief noch eine ganze Weile durch die dunklen Straßen, spürte die Nacht um sich und die Einsamkeit, die ihn umgab wie ein schwerer Mantel, bevor er nach Hause ging, sich ins Bett legte und die Decke über den Kopf zog. Er schämte sich so sehr dafür, dass er ein Feigling war, dass er Bauchschmerzen bekam.

 

 

 

Ihm war nicht bewusst, dass sein Verhalten im Grunde mutiger war als das der anderen Jungs. Erst Jahre später würde er verstehen, dass seine Angst ihn noch vor so manchem schlimmen Fehler bewahrte.