Der See

Wir waren Helden des Sommers. Für drei Wochen gehörte uns die ganze Welt, und aus unserer Sicht bestand sie aus einem Sechsbettzimmer, das wir uns teilten, dem kleinen separaten Wohnzimmer nur für uns Kinder mit einem großen alten Ledersofa, zwei Sesseln und jeder Menge Kissen zum gemütlich drauf Rumlümmeln, dem Wald, der direkt hinter dem Ferienhaus anfing, das unsere Eltern für drei volle Wochen gemietet hatten und für uns ein riesiger Abenteuerspielplatz war, und natürlich dem See, der vom Ferienhaus nur einen Steinwurf entfernt lag. Der See war bei gutem Wetter unser erklärter Lieblingsort, die Erwachsenen machten schon Witze darüber, dass uns bald Schwimmhäute zwischen den Fingern wachsen würden, wenn wir weiter so viel im Wasser wären. Aber was hätte es auch Schöneres geben können.

Die Sonne strahlte ihr leuchtend hell entgegen als Roswitha die wenigen Stufen der Terrasse heruntersprang. Ihre langen dunklen Haare wehten ihr wie eine Fahne hinterher, doch von ihrer kindlichen Anmut nahm sie keine Notiz. Sie spürte die brennende Hitze des Sommertages auf ihrer gebräunten Haut und freute sich auf die Abkühlung durch das kühle Wasser. Es dauerte nicht lange, bis sie den See erreichte. Den blauen Jeansrock und das hellgrüne T-Shirt warf sie achtlos neben ihre Clogs und das Handtuch auf den Steg. Die anderen waren schon im Wasser, und nachdem sie sich kurz abgekühlt hatte, beeilte sie sich, sie einzuholen. Wie immer schwammen sie ein paar Meter vom Ufer weg, bevor sie mit dem Tauchen begannen. Natürlich ging es darum, wer am längsten unten bleiben konnte, aber Roswitha war bei diesem Spiel nicht allzu ehrgeizig. Sie mochte das Gefühl nicht, wenn der Brustkorb eng wurde und man sich zwingen musste, trotzdem weiter unten zu bleiben und keine Luft zu holen, also tauchte sie meistens als erste wieder auf. Patrick hielt normalerweise am längsten durch, und sie drückte ihm immer heimlich die Daumen, sie wollte, dass er länger unten blieb als alle anderen, damit sie stolz auf ihn sein konnte. Er wusste nichts davon, sie würde es ihm auch nicht sagen, das war ihr kleines Geheimnis, und auch diesmal schien es zu helfen. Die Jüngste von ihnen, Maria, war ebenfalls schon lange wieder oben, auch die Brüder Torben und Simon waren längst wieder zu sehen. Dani war zuletzt aufgetaucht, sie war unglaublich ehrgeizig und schaffte es manchmal länger als Patrick, aber diesmal nicht. Roswitha lächelte in sich hinein und freute sich auf den Moment, wenn er nach oben schießen würde, japsend, nach Luft schnappend, keuchend vor Anstrengung, aber stolz wie Oskar, wenn er sah, dass wieder alle vor ihm aufgetaucht waren. Sie beobachtete die Wolken, die am Horizont aufzogen und überlegte, ob es wohl später noch gewittern würde, als ihr langsam bewusst wurde, wieviel Zeit bereits vergangen war, seitdem sie mit dem Tauchen begonnen hatten. Die anderen waren jetzt schon dabei, weiter rauszuschwimmen, der kleinen Plattform entgegen, von der aus man ins tiefe Wasser springen konnte. Aber Roswitha wurde langsam mulmig und furchtbar kalt. Wo blieb Patrick? Er war doch schon viel zu lange unter Wasser. Sie rief nach Maria, die ihr am nächsten war, bevor sie als erste wieder hinabtauchte, suchend, verzweifelt bemüht, etwas zu sehen, ihn zu finden, was aber unmöglich war, tief da unten zwischen dem trüben Tang. Es war viel zu dunkel, je tiefer man tauchte, und sie kamen an dieser Stelle nicht einmal bis ganz unten. Die aufziehenden Wolken machten es nicht besser, es wurde jetzt äußerst schnell dunkel. Sie suchten mittlerweile alle, immer und immer wieder, bis die Hoffnung verklang. Und so sucht Roswitha noch heute. Jede Nacht im Traum taucht sie wieder, bis sie nicht mehr kann.