Die Getränke gehen heute aufs Haus

»Ein Gedeck!«

Karlheinz hatte nicht einmal die Jacke ausgezogen, als er seine Bestellung quer durch den Raum brüllte. Aber das war ich ja gewöhnt. Ich zapfte zuerst in Ruhe sein Pils. Den Korn goss ich erst nach den exakt sieben Minuten ein, die ein gutes Pils nun einmal brauchte. Der Schnaps war randvoll, damit er sich nicht wieder beschwerte, ich würde ihn betuppen. Heute schien er zumindest halbwegs erträgliche Laune zu haben, also könnte es ein guter Tag werden. Was man hier drin schon gut nannte, in einer Eckkneipe, der einzigen im Dorf.

»So, bitte sehr.«

Nicht eben freundlich stellte ich die Getränke vor Karlheinz ab. Ein Brummen genügte seiner Ansicht nach als Dankeschön. Er war wie jeden Sonntag pünktlich um zehn Uhr der erste am Stammtisch. Den Schnaps kippte er sofort runter, und meistens war das Bier ebenfalls schon leer, wenn die anderen gegen halb elf eintrudelten. Aber die hatten ja auch noch ihre Ehefrauen, da konnten sie sich nach dem Frühstück nicht so bald verdrücken. Erst wenn die Frauen anfingen, das Mittagessen vorzubereiten, waren die Männer für eine Weile entlassen.

 Ich behaupte nicht unbedingt, dass ich mich auf meine Kundschaft freute, aber ohne die Stammtischbrüder müsste ich den Laden dichtmachen. Also ertrugen wir uns in gegenseitiger Abhängigkeit und Abneigung, ohne dass unsere Feindseligkeit je offen ausgesprochen worden wäre. Was indes auch nicht notwendig war.
 Heute war Peter der Zweite, der mein Lokal betrat. Noch bevor ich seine Bestellung aufnahm, und er ließ mich grundsätzlich dafür zum Tisch kommen, obwohl er ebenfalls jeden Sonntag das gleiche bestellte, hatten die beiden Rentner sich in ihr übliches Geschwätz, »Früher war alles besser, die Jugend von heute und mit den Asylanten wird es immer schlimmer ...«, verstrickt. Eine Endlosschleife destruktiver Motzerei, polemischer Sprüche und rechtsgerichteter Gesinnung. Mir wurde schon beim Zuhören übel und meine Laune sank in den Keller. Entsprechend lustlos stellte ich Peter sein Alt und seinen Underberg auf den Tisch, er mochte anscheinend alles schön dunkelbraun.
 Karlheinz brüllte seine zweite Bestellung vorhersehbar genau in dem Moment durch die Kneipe, als ich wieder hinter der Theke angekommen war.
Zapfen, warten, zapfen, warten.
Schnaps eingießen, wieder zum Tisch.
»Die Merkel sollte da endlich mal nen Riegel vorschieben, Grenzen dicht, Ende Gelände.«
Bier hinstellen, Schnaps daneben, Ohren auf Durchzug.
»Wenn die so weiter macht, geht Deutschland vor die Hunde. Die Kriminalität steigt jetzt schon, und unsere Frauen vergewaltigen sie auch!«
Na, eure wohl bestimmt nicht mehr ...
»Nächstes Mal wähl ich auf jeden Fall die AFD, damit die endlich mal sehen, was Sache ist!«
Zum Glück gehst du eh nie wählen, bist du doch viel zu faul für ...
»Meinste? Nicht vielleicht doch besser die Republikaner oder so? Ich glaub, die nehmen uns kleine Leute noch am ehesten ernst.«
 Jetzt waren auch Rudi und Erwin eingetrudelt, bestellten per Handzeichen »Wie immer!«, und beteiligten sich lautstark an der Diskussion. Wobei Diskussion bedeuten würde, dass es eine zweite Meinung gibt, hier also das falsche Wort war.
»Die sollten die alle gleich wieder in irgendwelche Boote verfrachten und zurück schippern, ham doch nix verloren hier!«
»Genau! Oder am besten gleich schwimmen lassen. Was das alles an Kohle kostet, das kann doch keiner zahlen. Und wir kommen kaum rum mit unserer kleinen Rente.«
Fürs Saufen reichts aber noch ganz gut, wie mir scheint ...
 Prompt wurde die nächste Runde bestellt. Ich zapfte jetzt noch langsamer, denn die Aggressivität der Männer stieg mit jedem Glas. Meine Laune hingegen wurde immer mieser, je mehr von ihren Parolen ich mir anhören musste. Ich dachte an meine Großmutter, die mir erzählt hatte, wie stolz sie auf ihre Eltern war, die damals eine jüdische Familie in ihrem Keller versteckt hatten. Die Rosenbergs waren nach dem Krieg nach Israel ausgewandert, weil sie es in Deutschland nicht mehr ausgehalten hatten, mit all ihren Verlusten und Erinnerungen. Nur zu meinen Urgroßeltern hielten sie den Kontakt, sie schrieben sich Briefe, über Jahrzehnte hinweg. Schließlich haben sie die ganze Familie zu sich in den Urlaub eingeladen, meine Oma hat bis zu ihrem Tod von dieser Reise geschwärmt. Eines war ihr besonders in Erinnerung geblieben. Die Rosenbergs haben immer wieder von früher erzählt, haben gefragt, wie es jetzt in Deutschland ist und was sich alles verändert hat. Sie lebten zwar in Israel, aber eine Heimat ist dieses Land für sie niemals geworden.
 Daran musste ich denken und daran, wie es all den Menschen gehen mochte, die heutzutage gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu fliehen. Ich war mir sicher, dass die meisten von ihnen genauso fühlten, dass sie zuhause bleiben würden, wenn sie nur könnten. Und auf einmal schämte ich mich fürchterlich und ekelte mich vor mir selbst. Was würde meine Großmutter von mir denken, wenn sie sehen könnte, wie ich diese Arschlöcher bediente? Sie würde sich im Grabe umdrehen!
 Und mit einem Mal war mir klar, was ich tun musste. Freundlich lächelnd ging ich auf den Stammtisch zu, der sich die Köpfe mittlerweile rot geredet hatte.
»Die Getränke gehen heute aufs Haus, meine Herren.«
Ich erntete ein überraschtes, freudiges Grinsen.
»Aber dafür möchte ich sie nun bitten, zu gehen. Sie müssen sich leider eine andere Stammkneipe suchen. Diese hier steht Leuten mit ihren politischen Ansichten ab sofort nicht mehr zur Verfügung.«
 Es dauerte eine ganze Weile, und ich war schon kurz davor, die Polizei zu rufen, aber letztendlich zogen sie wutschnaubend ab, nicht ohne mich mit wüsten Beschimpfungen zu überhäufen. Mir war das einerlei, meine Laune wurde schlagartig besser, als sie die Tür hinter sich zuknallten. Da für heute ohnehin keine weiteren Gäste mehr zu erwarten waren, sperrte ich ab und hängte ein provisorisches Schild an die Tür: wegen Renovierung geschlossen. Jetzt wusste ich endlich, was ich mit dem Erbe meiner Oma anfangen würde. Aus meiner muffigen, alten Eckkneipe, die ich so altbacken wie hässlich von meinem Vorgänger übernommen hatte, würde ich ein gemütliches kleines Café zaubern. Jeden Sonntag sollte es eine Begegnungsstätte für Menschen jedweder Herkunft sein. Und der Kaffee ist an diesem Tag umsonst.