Seelenfänger

Der kaputte Typ kam nur zufällig an diesen Ort. Es war ohnehin vollkommen egal, wo er sich aufhielt, für ihn war es überall die Hölle. Wann genau es angefangen hatte, konnte er nicht mehr sagen. Die vielen Drogen verzerrten seine zeitliche Wahrnehmung. Und nicht nur die. Manchmal war er sich nicht sicher, was real war und was er phantasierte. Was ja auch kein Wunder war. Wenn er jemandem davon erzählen würde, jeder würde ihn für verrückt erklären. Oder denken, dass er auf 'nem verdammt schlechten Trip festsaß. Und manchmal wünschte er sich das sogar. Dann könnte er die Drogen einfach absetzen, und irgendwann wäre alles wieder normal. Aber das würde so nicht funktionieren. Und nüchtern wäre das alles nicht zu ertragen. So hatte er wenigstens keine Angst. Meistens zumindest.

Er hatte es schon gespürt, als er seinen alten Pickup über die Stadtgrenze fuhr. Es war nicht so leicht zu beschreiben, da es nur eine Art Ahnung war, aber er wusste einfach immer sofort, wenn er am richtigen Ort war. Es war zunächst wie ein leichtes Knistern, das in der Luft lag, noch ziemlich subtil. Je weiter er in die Stadt hineinfuhr, desto deutlicher spürte er es. Es waren immer kleine, unbedeutende Städte, deren Namen man noch nie zuvor gehört hatte. Das lokale Footballteam wird nie den Pokal gewinnen, keine Schönheitskönigin aus diesem Ort stammen, kein Senator und erst recht kein Nobelpreiträger. Niemand geht von hier fort und nur wenige wollen freiwillig in so ein schäbiges Kaff ziehen. Er nannte sie "Lost Places", denn das waren sie in seinen Augen. Sie waren verloren, solange niemand kam, um sie zu retten. Solange, bis er kam.

 

Er fuhr ins Zentrum, das keine großen Überraschungen bereit hielt. Eine Tankstelle, die gleichzeitig als Drugstore und Tabakladen diente. Eine schäbige Kneipe, die neben ein paar abgegriffenen Spielautomaten einen Billardtisch aufwies, dessen Grün so fleckig war, dass er nicht wissen wollte, ob außer Pool auf dem Tisch noch was anderes gespielt wurde. Immerhin, es handelte sich hier eindeutig nicht um ein Dry County, dem Himmel sei Dank. Er ging zur Theke und bestellte einen doppelten Tennessee Sour Mash ohne Eis. Der Barkeeper hatte sogar welchen da, heute war wirklich sein Glückstag.

 

Es war noch zu früh für weitere Kundschaft und sein Gastgeber war nicht sonderlich gesprächig. Er schaute sich irgendeine stumpfsinnige Sendung an, die im Fernseher auf der Ecke der Theke lief und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden hatte sich offensichtlich noch nicht bis hierhin rumgesprochen. Oder es war einfach egal. So wie doch eigentlich alles egal war. Er spürte, dass er dem Kern des Problems näher kam, diese bedrückende Stimmung war überwältigend, fast körperlich spürbar, nur mit Mühe konnte er sich ihr entziehen. Schnell stürzte er seinen Whiskey herunter und fragte den Barkeeper, wo er ein günstiges Zimmer für ein paar Tage mieten könnte. Für 50 Dollar im Voraus bekam er einen Schlüssel zu einem heruntergekommenen Apartment im Anbau. Immerhin, es hatte ein Bett und eine Dusche, viel mehr Komfort war er ohnehin nicht gewöhnt.

 

Seine wenigen Habseligkeiten verstaute er im Wandschrank, bevor er sich unter die Dusche stellte. Fließendes Wasser war meistens ein gutes Mittel, um sich abzuschirmen, und auch diesmal funktionierte es, wenn auch erst nach einer Weile. Aber danach fühlte er sich deutlich besser. Er stieg wieder in seine Lederhose und legte sich ein dunkles T-Shirt zurecht. Früher war es einmal schwarz gewesen, aber das häufige Waschen hatte davon nur eine Ahnung übrig gelassen. Die Bikerstiefel hatten ebenfalls schon bessere Tage gesehen, aber das war nicht wichtig. Wichtig war ihm ausschließlich, immer frisch rasiert zu sein, das war sein letztes Festhalten an der Zivilisation. Er ließ sich sogar Zeit für eine klassische Nassrasur, der einzige Luxus, den er sich noch gönnte. Also schäumte er sorgfältig die Rasierseife auf, verteilte sie auf Wangen, Oberlippe und Kinn und zog die Klinge seines Rasiermessers mit langsamen Bewegungen über die Haut. Erst als er damit fertig war, warf er das T-Sirt über, fuhr sich durch die noch feuchten dunklen Haare, die wie immer etwas zu lang waren, und machte sich auf die Suche.

 

Es wurde schon fast dunkel draußen, er musste sich also etwas beeilen, wenn er sich noch bei Tageslicht einen Überblick verschaffen wollte. Dennoch bewegte er sich mit ruhigen Schritten auf sein Auto zu, denn Hektik trieb den Puls hoch. Und ein schneller Puls erzeugte Aufmerksamkeit, wenn man Pech hatte.

 

Er musste eine Weile durch die Stadt fahren, bevor er das Zentrum ausfindig machen konnte. Nicht das sichtbare Zentrum der Stadt, das war offensichtlich an der Kreuzung, an der sich die Tankstelle, die Kneipe und ein kleiner Laden befanden. Sondern das dunkle, versteckte Zentrum. Das, was bei ihm eine Gänsehaut erzeugte, wenn er ihm zu nahe kam. Es war so subtil, dass er einige Male durch die wenigen Wohngebiete kurven musste, bis er es eingrenzen konnte. Die Siedlungen sahen sich so ähnlich, dass er ohne die Straßennamen nicht sicher gewesen wäre, dass er nicht immer und immer wieder an derselben Stelle vorbeifuhr. Einfache Familienhäuser, nichts Pompöses, keine Villen, aber auch keine Baracken oder Molochs, sondern einfach nur die gelebte Langweile namens Standardarchitektur, alle in etwa im selben Zeitraum gebaut. Sie wirkten heruntergekommen, so als hätte seit einiger Zeit niemand mehr Geld und Energie in Modernisierungen gesteckt. Kein neuer Anstrich, keine neuen Veranden. Auch die Gärten waren bestenfalls lieblos, schlimmstenfalls ungepflegt. Der Eindruck ließ auf den Zustand der Bewohner schließen, hier hatte sich eine allgemeine Lethargie breitgemacht, die an Stillstand grenzte.

 

Er spürte es jetzt wieder deutlicher, diese Hoffnungslosigkeit und Ermüdung. Er zwang sich, in die Richtung weiterzufahren, aus der er dieses Gefühl zu spüren glaubte, auch wenn er am liebsten genau das Gegenteil getan hätte. Aber eigentlich war es ihm auch egal, ob er jetzt hier war oder nicht, es machte keinen Unterschied. Vielleicht sollte er sich diesmal nicht einmischen, sondern einfach wieder verschwinden. Ja, am besten würde er einfach umdrehen. Er spürte, wie der Pickup immer langsamer wurde, weil er eine Stelle zum Wenden suchte. Instinktiv schlug er sich selbst zweimal mit der Hand ins Gesicht. Das half kurzfristig, aber er würde etwas Stärkeres brauchen.

 

Er öffnete das Handschuhfach und zog eine Plastiktüte heraus, in der sich diverse Medikamentenschachteln und Beutel befanden. Er fand ziemlich schnell das Tütchen mit dem weißen Pulver, feuchtete einen Finger an, tauchte ihn hinein und rieb es in sein Zahnfleisch ein. Danach nahm er noch eine Line pro Nasenloch. Besser. Viel besser. Er spürte, wie er wütend wurde, extrem wütend. Das war gut. Sicherheitshalber steckte er den Rest Kokain und ein paar Pillen in die Hosentasche, bervor er wieder die ursprüngliche Richtung einschlug. Er konnte es noch spüren, es war immer noch da. Aber jetzt konnte es ihm nichts mehr anhaben. Und das schien es zu wissen. Er glaubte, außer der schwermütigen Lethargie jetzt auch Angst spüren zu können.

 

 

 

Es war ein heruntergekommenes, verlassen aussehendes Gebäude, dessen Fensterläden schief in den Angeln hingen. Das musste es sein. Egal, in welche Richtung er von hier aus fuhr, es wurde schwächer. Er parkte direkt vor dem Haus und schaltete den Motor aus. Er konnte es jetzt so deutlich spüren, weil es ihn ebenfalls bemerkt hatte. Weil es wusste, dass er es spüren konnte. Es war ein waberndes, flirrendes Etwas, das ihm entgegenschlug, er konnte es weder sehen noch hören, aber für ihn war es trotzdem deutlich spürbar.

 

Langsam stieg er aus dem Auto und ging auf die Veranda zu. In besseren Zeiten war es hier sicher einmal ganz hübsch gewesen. Aber das musste lange her sein. Die Haustür war verschlossen, aber mittlerweile so morsch, dass sie kein großes Hindernis darstellte. Ein kräftiger Tritt und er stand direkt im Wohnzimmer. Ihm trat der muffige Geruch eines lange nicht geöffneten Gebäudes entgegen, bevor er den dezenten, aber um einiges unangenehmeren Geruch wahrnahm, der ebenfalls vorhanden war. Er ahnte, dass dieser Geruch nichts Gutes verhieß und machte sich auf das Grauen gefasst, das ihn hinter der nächsten Tür erwarten könnte. Und er hatte sich nicht getäuscht. Als er die Tür zum Schlafzimmer öffnete, schlug ihm der Gestank in seiner vollen Intensität entgegen, süßliche Fäulnis und modrige Verwesung hing direkt vor seinen Augen. Er vermutete, dass es der Hausbesitzer war, der hier von der Decke baumelte. Er war wohl das erste Opfer gewesen.

 

Der Gedanke, sich einfach daneben zu hängen, schlich sich in sein Unterbewusstsein ein wie ein Parasit, um dann ganz langsam aber stetig in den Vordergrund zu gelangen. Er könnte einfach dasselbe Seil verwenden. Der Stuhl lag auch noch in der Nähe, es wäre alles ganz simpel. Er ging langsam auf den Stuhl zu, um ihn aufzurichten, pfefferte ihn dann aber mit aller Gewalt in die andere Ecke des Zimmers. So schnell er konnte griff er in seine Hosentasche, nahm eine der Pillen heraus und schluckte sie unzerkaut herunter. Er schloss kurz die Augen, um auf die Wirkung zu warten, die zum Glück innerhalb kürzester Zeit eintrat. Gott sei Dank, es war gutes Zeug. Er fühlte sich jetzt aufgekratzt, die Todessehnsucht, die ihm suggeriert worden war, verschwand so subtil wie sie gekommen war. Dafür spürte er jetzt wieder, dass es Angst hatte. Es versuchte, sich ihm zu entziehen, sich zu verstecken, aber das war zu spät. Er hatte sich die Angst eingeprägt, wie ein Bluthund folgte er der dünner werdenden Spur zur Vordertür wieder nach draußen, die Straße entlang in Richtung Zentrum. Also hatte es sich einen zweiten Schlupfwinkel zugelegt, so ein Mist. Das hätte er eigentlich spüren müssen, aber es hatte ihn wahrscheinlich zu gut getarnt.

 

 

 

Er war vollkommen außer Atem, als er im Stadtzentrum ankam. Immerhin, er kam ihm wieder stetig näher, also hatte es sein Ziel erreicht. Er spürte, dass es sich immer noch unwohl fühlte. Aber es hatte keine so heftige Panik mehr wie vorhin. Das war nicht gut. Und jetzt spürte er auch noch eine zweite Emotion. Da war Wut. Unbändige Wut. Wo zur Hölle kam das denn auf einmal her? Er bemerkte, wie die Aggressivität auf ihn übergriff, seinen Puls beschleunigte, seine Denkprozesse verlangsamte. Verdammt, das war garnicht gut. Er wurde immer kribbeliger, aufgekratzter, bis er schließlich den nächstbesten Gegenstand nahm und ihn mit voller Kraft in ein Fenster schleuderte. Es war ein Steinfrosch gewesen, der in einem der Vorgärten neben einer Vogeltränke gesessen hatte. Wahnsinn. So heftig hatte er das noch nie erlebt. Wenn das so weiterging, würde er jeden, der ihm begegnete, zu Tode prügeln. Er musste sich schnellstens etwas einfallen lassen. Zu seinem Auto zurück zu gehen und die Valium zu holen, die er normalerweise zum Runterkommen nahm, wenn eine Sache erledigt war, würde zu lange dauern. Also probierte er es mit Fokussierung. Er konzentrierte seine Gedanken mit aller Macht auf das Wesen, das die Lethargie auslöste. Er war sich nicht absolut sicher, was es eigentlich war, aber dass es sich um einen Seelenfänger handelte war klar. Und das waren die schlimmsten. Sie saugten ihre Opfer buchstäblich aus, labten sich an ihren positiven Gefühlen, an ihrem Glück, ihrer Freude, bis nichts mehr übrig blieb. Nur noch Leere. Verlassenheit. Sorge. Trauer. Und am Ende nicht einmal mehr das, sondern nur noch unabänderliche Gleichgültigkeit. Am Ende war einfach alles egal. Alles.

 

Er spürte, dass auch ihn diese Lethargie wieder zu überfallen drohte und griff erneut zum Koks in seiner Hosentasche. Irgendwann würden die vielen Drogen ihn vermutlich umbringen, aber das war auch schon egal. Was machte das für einen Unterschied. Ob er jetzt daran krepierte oder an seiner "Gabe" zugrundeging, beziehungsweise an dem, was er damit wahrnehmen konnte, für ihn machte es keinen Unterschied. Das Koks wirkte schnell und er spürte die Wut wieder aufsteigen. Gut so, die konnte er jetzt auch gebrauchen.

 

Er stand vor dem kleinen Laden auf der Kreuzung. Hier sollte es also sein. Vorsichtig betrat er den Eingangsbereich, aber es war ohnehin niemand zu sehen. Auf dem Tresen lag ein Zettel mit der Aufschrift "Bin gleich wieder da." Nun, besser nicht allzu bald, das hier könnte unangenehm werden. Der Verkaufsraum war nicht allzu groß und dementsprechend vollgestellt mit allem, was man im Kleinstadtalltag so brauchen könnte. Trotzdem war schnell klar, dass er hier nicht fündig werden würde. Er steuerte fast automatisch auf die Tür an der gegenüberliegenden Wand zu, auf der ein Schild mit dem Hinweis "Privat" angebracht war. Sie war unverschlossen und führte in einen kleinen Flur, von dem rechts ein Büro und links ein Aufenthaltsraum erreicht werden konnte. Am Ende des Flurs führte eine Treppe nach oben, dort war vermutlich die Wohnung des Besitzers. Sein Ziel lag jedoch woanders. Der Laden hatte einen Hinterausgang über den man in einen kleinen Hof gelangte. Er war nicht besonders gut beleuchtet, aber trotzdem fiel ihm sofort der heruntergekommene Schuppen auf, der sich an das Gebäude anschloss. Die Tür stand offen und ihm schlugen eine Düsternis und Kälte aus dem Inneren entgegen, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Und wieder Wut, diese alles zerstören wollende Wut.

 

Ihm war mittlerweile klar, dass er es definitiv mit einem Seelenfänger zu tun hatte, aber es war ihm neu, dass diese Kreaturen über mehrere Gefühlsdimensionen verfügen konnten. Er war ihnen bisher zum Glück nur äußerst selten begegnet, aber sie waren immer eindimensional gewesen. Sie saugten alle Emotionen von ihren Opfern ab, ernährten sich quasi davon, und gaben nur eine einzige davor wieder zurück. Und nicht gerade die, die man am dringendsten wieder haben wollte. Aber dieser hier war anders. Er konnte verschiedene Gefühle zurückgeben, diese Verlorenheit und Leere, die Gleichgültigkeit, die er von Anfang an gespürt hatte, aber auch die immense Wut.

 

Er betrat den Schuppen und es war fast, als würde er in etwas Lebendiges hineinsinken, wie in eine Art Nebel. Die Existenz des Wesens umschlang ihn, nahm ihn in sich auf, als wolle sie ihn absorbieren. Er konnte kaum atmen und das Denken fiel ihm unendlich schwer. Es war, als müsse er seine Gedanken durch einen Widerstand hindurchziehen und bei sich behalten. Es kostete ihn bereits seine gesamte Kraft, nicht einfach ohnmächtig zu werden. Er zwang sich, die rechte Hand in die Hosentasche zu stecken. Seine Finger um ein paar der darin enthaltenen Pillen zu schließen war so anstrengend, wie eine Walnuss mit der bloßen Hand zu knacken. Und die Hand anschließend an den Mund zu führen, um die Pillen zu schlucken, kam dem Hochheben seines Pickups gleich. Aber irgendwie hatte er es geschafft. Wie er es immer irgendwie schaffte. Wäre er nicht so angestrengt konzentriert, hätte er sich vielleicht darüber gewundert. So konzentrierte er sich jedoch nur wieder auf die Existenz, die ihn umgab. Und stutzte. War das möglich? Ja, das war sein Denkfehler gewesen. Es handelte sich nicht um ein Wesen mit unterschiedlichen Gefühlen, sondern um zwei. Es hatten sich zwei Seelenfänger zusammengetan und gemeinsam in diesem Kaff hier eingenistet. Das war unglaublich. Und es machte die Sache noch komplizierter. Und natürlich auch viel gefährlicher. Aber egal, jetzt war es ohnehin zu spät. Er würde ihnen nicht lange genug standhalten können, um zu fliehen, also musste er angreifen. Er nahm all seinen Mut zusammen und öffnete sich den Emotionen. Zunächst spürte er die Angst des ersten Seelenfängers, also setzte er dort an. Er fokussierte sich auf dieses eine Gefühl und öffnete sich dafür. Es war schrecklich. Er durchlebte sämtliche Momente der Furcht, die er in seinem Leben je durchgestanden hatte auf einmal. Und das waren bei seinem Lebenswandel jede Menge. Es brach über ihn herein wie eine Flutwelle, die Dunkelheit der Nacht, die er als Kind mehr gefürchtet hatte als alles andere. Denn darin lauerten sie, das hatte er damals schon geahnt. Die Visionen, die ihn immer wieder heimgesucht hatten, als er größer wurde, Visionen von realen und irrealen Gefahren, das eine so schrecklich wie das andere. Und dann sämtliche eigene Erfahrungen. Jedes einzelne Monster, das er je besiegt hatte. Jede Kreatur, die ihm je begegnet war, ihre verzerrten Gestalten, hässlichen Fratzen, glühenden Augen, alles zog an ihm vorbei wie in einem Film, mit dem Unterschied, dass für ihn in diesem einen Moment alles absolut real war. Jeden anderen hätte diese Erfahrung einfach umgehauen, ausgeknockt, zum Wahnsinn verurteilt. Er wusste selbst nicht, wie er das verkraften konnte. Aber er spürte, dass er noch da war. Und er nahm erneut seine gesamte Kraft zusammen und visualisierte diesen einen Moment, ließ ihn nicht los, mit all seinen Schrecken und seiner Grausamkeit, und schleuderte ihn mit voller Wucht zurück.

 

 

 

Es war totenstill im Raum. Er fühlte sich wie durch die Mangel gedreht. Aber er hatte es geschafft. Es war nicht mehr da, das konnte er spüren. Er hatte es mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Ja, damit hatte das Biest nicht gerechnet. Dass jemand tausendmal mehr Angst kannte als es selbst. Und sie schon tausendmal überwunden hatte. Unwillkürlich musste er grinsen. Aber dann wurde ihm klar, dass es noch nicht vorbei war. Das andere war schlechter wahrnehmbar. Aber es war noch da. Er konnte als erstes seine Trauer spüren. Er war weit davon entfernt, es zu bemitleiden. Denn kurz darauf traf ihn seine geballte, ungebremste, zerstörerische Wut. Die Ladenbesitzerin hatte unglaubliches Pech, dass sie genau in diesem Moment herein kam. Er drehte sich um, rannte auf sie zu und bevor er ihr entsetztes Gesicht wirklich wahrgenommen hatte, vergrub er seine rechte Faust mit voller Wucht darin. Sie taumelte, hob die Hände vors Gesicht und kippte bei seinem ersten Tritt nach hinten. Er hob bereits den Fuß um erneut zuzutreten, als er sich endlich wieder in den Griff bekam. Zumindest so einigermaßen, aber jedenfalls mussten erstmal nur einige Prospektständer darunter leiden.

 

Das war echt übel. Wut erzeugt nur neue Wut, damit konnte er nicht arbeiten. Und sie lähmte seine Gedanken, machte ihn langsam und unpräzise, so ließ sich keine gute Strategie finden. Gut, dann musste eben eine schlechte reichen, oder einfach die erstbeste, die ihm überhaupt einfiel. Er hatte nur einen relativ kurzen Blick auf die Frau werfen können, aber er war sich sicher, dass er wusste, was sie in der Schublade ihres Schreibtisches aufbewahrte. Und er hatte sich nicht getäuscht. Routiniert drehte er sich mit flinken Fingern einen Joint aus dem Gras, das sie dort aufbewahrte. Es dauerte nur wenige Züge, bis er sich beruhigt hatte. Und einige weitere, bis er anfing zu kichern. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis das kam, worauf er wartete. Er fing ganz langsam an zu zittern und ein kalter, überlriechender Schweiß brach ihm aus. Die Wände des engen Raumes schienen sich auf ihn zu zu bewegen, sie verformten sich nach innen. Auch die Decke kam langsam immer weiter herunter. Er hörte die Schreie, das Gebrüll aller armen Seelen, denen er je beistehen musste. Am lautesten waren die, bei denen es zu spät gewesen war, die er nicht mehr hatte retten können. Sie hatten ihm von ihren Alpträumen erzählt, immer und immer wieder. Das meiste war immer noch nicht annähernd so grauenhaft wie das, was er selbst in den letzten Jahrzehnten erlebt hatte. Wenn es nicht schon Jahrhunderte waren, er wusste es nicht mehr so genau. Jetzt fokussierte er all diese abscheulichen Bilder, Geräusche und Empfindungen in einen einzigen komprimierten Augenblick des Entsetzens und schleuderte ihn dem zweiten Seelenfänger entgegen, dem nichts anderes übrig blieb, als das alles zu schlucken. Schließlich war er ein Sender, und der Fänger sozusagen ein Empfänger. Aber mehr würde er nicht mehr empfangen, nie wieder. Er hatte es geschafft, das Monster erledigt, mal wieder.

 

Er verarztete die Ladenbesitzerin, die sich an nichts erinnern konnte und annahm, sie sei überfallen und ausgeraubt worden. Den Schaden würde die Versicherung übernehmen und er konnte die Kohle gut gebrauchen, seine Drogen waren alles andere als billig. Aber am meisten freute er sich über den Kaffee, den sie ihm kochte, als sie sich wieder besser fühlte. Diese kurze Pause gönnte er sich, bevor er sich wieder auf den Weg machte. Er musste weiter in Richtung Norden, das spürte er ganz deutlich.